Aus:
Das Sagenbuch der walisischen Kelten
Die vier Zweige des Mabinogi
Die Pferdegöttin Rhiannon
Dieser kleine Ausschnitt aus dem Mabinogi ist aus meiner Sicht eine wunderbare Parabel was es bedeutet seinem Herzensweg zu folgen.
... Und einmal war Pwyll, Oberhaupt von Annwn, in Arberth, einem seiner wichtigsten Höfe, und ein Festmahl war für Ihn bereitet, und es waren große Scharen von Gefolgsleuten um ihn. Und nach dem ersten Mahl erhob sich Pwyll zu einem Spaziergang und er ging zur Kuppe eines Hügels, der in der Nähe des Hofes war und Gorsedd Arberth genannt wurde. „Herr“, sprach einer der Höflinge, „eine besondere Eigenschaft des Hügels besteht darin: Kein Edler, der sich auf ihm niederläßt, geht von dort hinweg, ohne daß eines von zwei Dingen passiert. Entweder es gibt Schläge und Wunden, oder er schaut ein Wunder. „Inmitten einer solchen Schar habe ich keine Angst, Schläge oder Wunden zu empfangen. Ein Wunder jedoch- das würde ich gerne schauen. Ich gehe zum Hügel. Und wie sie da saßen, sahen sie eine Frau auf einem großen und stattlichen Pferd, die trug ein leuchtendes Gewand aus Seide und Goldbrokat und kam die große Straße entlang, welche nahe dem Hügel vorbei führte. Nach Meinung aller, die es sahen, hatte das Pferd eine langsame, gleichmäßige Gangart, als es auf gleiche Höhe mit dem Hügel kam. „Männer“, sprach Pwyll, „gibt es einen euch, der die Reiterin kennt?“ „Nein, Herr“, sprachen sie. „Einer“, sprach er, „soll ihr entgegen gehen, um festzustellen, wer sie ist.“ Einer erhob sich, doch als er ihr gegenüber zur Straße gelangte, war sie bereits vorbeigeritten. So folgte er ihr, so schnell er es zu Fuß vermochte. Und je größer seine Geschwindigkeit war, desto weiter entfernte sie sich von ihm. Und als er sah, daß er sie nicht einholen konnte, kehrte er zu Pwyll zurück und sagte zu ihm, „Herr“, sprach er „zu Fuß kann niemand auf der Welt ihr folgen. „Nun“, sprach Pwyll, dann geh zum Hof, nimm das beste Pferd, das du kennst, und eile ihr nach.“ So nahm er das Pferd und machte sich auf. Er gelangte auf freies Feld und gab dem Pferd die Sporen. Doch je mehr er das Pferd antrieb, desto weiter entfernte sie sich von ihm. Dabei hatte sie dieselbe Geschwindigkeit , die sie zu Anfang gahbt hatte. Sein Pferd ermattete, und als er bemerkte, wie es in der Geschwindigkeit nachließ, kehrte er dorthin zurück, wo Pwyll war. „Herr“, sprach er, „jener Dame wird niemand folgen können. Ich kenn kein besserers Pferd im Reich als dieses, und ich konnte ihr nicht folgen.“ „Nun“, sprach Pwyll, „das hat irgendeine magische Erklärung. Gehen wir zum Hof.“ So gingen sie zum Hof und verbrachten jenen Tag. Und am nächsten Tag erhoben sie sich und verbrachten die Stunden, bis es Zeit wurde, sich zum Essen zu begeben. Und nach dem ersten Mahl sprach Pwyll, „Gehen wir doch, dieselbe Schar, die wir Gestern waren, zur Kuppe des Hügels. Und du“, so sprach er zu einem der Knappen, „nimm mit dir das beste Pferd, das du weit und breit kennst.“ Und das tat der Knappe. So gingen sie mit dem Pferd zum Hügel. Und wie sie da saßen, sahen sie die Frau auf demselben Pferd, und sie trug dasselbe Kleid, und kam denselben Weg. „Da“, sprasch Pwyll, „die Reiterin von gestern! Mach dich bereit, Junge“ so sprach er, „um festzustellen, wer sie ist.“ „Herr“, sprach er, „das will ich gerne tun.“ Daraufhin kam die Reiterin ihnen entgegen. Da bestieg der Knappe das Pferd, doch bevor er sich im Sattel zurechtgesetzt hatte, war sie bereits vorbeigeritten, und eine Strecke Wegs lag zwischen ihnen. Doch war ihre Geschwindigkeit nocht größer als am Tag zuvor. Da ließ er sein Pferd in den Paßgang fallen und dachte, er würde sie trotz der langsamen Gangart seins Pferdes einholen. Aber das gelang ihm nicht. Da ließ er dem Pferd die Zügel schießen, doch kam er ihr nicht näher als wär er im Schrittempo geritten. Und je mehr er sein Pferd antrieb, desto weiter entfernte sie sich von Ihm. Doch war ihre Geschwindigkeit nicht größer als zuvor. Als er sah, daß er ihr nicht folgen konnte, kehrte er dorthin zurück wo Pwyll war. „Herr“, sprach er, „das Pferd vermag nicht mehr, als du gesehen hast.“ „Ich sah“, sprach der, „daß niemand ihr folgen kann. Aber zwischen mir und Gott“, sprach er, „sie hatte doch ein Anliegen an Leute auf diesem Feld, wenn nur ihr Starrsinn es ihr erlaubt hätte, es auszusprechen. Gehen wir zum Hof!“ So kamen sie zum Hof, und sie verbrachten den Abend mit Liedern und Feiern, so daß sie zufrieden waren. Und am nächsten Tag verkürzten sie sich die Stunden, bis es Zeit wurde, sich zum Essen zu begeben. Und nachdem sie gegessen hatten, sagte Pwyll: „Wo ist die Schar, die wir gestern und vorgestern auf der Kuppe des Hügels waren?“ „Hier, Herr!“ sprachen sie. „Gehen wir zum Hügel“, sprach er, „um uns niederzusetzen. Und du“, sprach er zu seinem Reitknecht, „sattle mir gut mein Pferd, bring es zur Straße, und nimm auch meine Sporen mit.“ Das tat der Knecht. So kamen sie zum Hügel, um sich niederzusetzen. Sie waren nicht lange dort, als sie die Reiterin sahen, wie sie in derselben Tracht und in derselben Gangart die Straße entlangkam. „Ha, Junge!“ sprach Pwyll. „Ich sehe die Reiterin! Gib mir mein Pferd.“ Pwyll stieg auf sein Pferd, und kaum war er auf sein Pferd gestiegen, da war sie auch schon an ihm vorbeigeritten. Er folgte ihr und ließ seinem feurigen und weit ausgreifenden Pferd freien Lauf. Und er glaubte, beim zweiten oder dritten Sprung werde er sie einholen. Dennoch war er ihr nicht näher als zuvor. Er trieb sein Pferd zu der schnellsten Gangart, zu der es fähig war, doch sah er, daß er ihr nicht folgen konnte. Da sagte Pwyll: „Junge Frau“, sprach er, „um des Mannes willen, den du am meisten liebst, warte auf mich!“ „Ich will gerne warten“, sprach sie, „und es wäre dem Pferd besser bekommen, wenn du gleich darum gebeten hättest.“ So blieb die junge Frau stehen und wartete, schlug von ihrer Kopfbedeckung den Teil, der das Gesicht bedecken sollte, zurück, richtete den Blick auf ihn und begann, sich mit ihm zu unterhalten. „Herrin“, sprach er, „woher kommst du, und wohin bist du unterwegs?“ „Ich bin in meinen Angelegenheiten unterwegs“, sprach sie, „und es freut mich, dich zu sehen.“ „Sei mir willkommen“, sprach er. Und dann dachte er, daß die Gestalt eines jeden Mädchens und einer jeden Frau, die er jemals gesehen hatte, ihm unansehnlich schien im Vergleich zu ihrer Gestalt. „Herrin“, sprach er, „willst du mir etwas über deine Angelegenheiten sagen?“ „Das will ich tun, zwischen mir und Gott!“ sprach sie. „Mein Hauptanliegen war, daß ich dich sehen wollte.“ „Das“, sprach Pwyll, „scheint mir das beste Anliegen, mit dem du kommen konntest. Und willst du mir sagen, wer du bist?“ „Das will ich, Herr“, sprach sie. „Rhiannon, die Tochter Hefeydds des Alten bin ich...
Analyse
Zwei Dinge in der Geschichte sind sehr Interessant. Zum Einen das man Rhiannon nicht einholen kann, das, desto schneller der Verfolger wird, die Distanz zu Rhiannon größer wird, obwohl SIE Ihr Tempo nicht verändert. Und zum Anderen das physische Geschwindigkeit sie nicht einholen kann, jedoch eine Frage, die Sie berührt, Sie umgehend dazu bringt Kontakt auf zu nehmen.
Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig zu bemerken, dass Rhiannon stehen bleibt weil Sie Interesse daran hat „Kontakt“ zum Fragenden auf zu nehmen. Nicht weil sie „stehen bleiben soll.“ Rhiannon hat offensichtlich Interesse an Kommunikation, weniger an Manipulation.
In diesem Fall steht die Art wie Rhiannon, gemeinsam mit Ihrem Pferd, erscheint und sich gibt, für die Art von Sein das dem „Seelenweg, oder Herzensweg“ folgt. Sie sagt auch an einer Stelle: “ Ich bin in meinen Angelegenheiten unterwegs.“ Rhiannon steht für eine Art von „Frau-Sein“ das zugleich Zielgerichtet, aktiv dem Eigenen folgt, und gleichzeitig „rezeptiv“ für das erscheint was sie inspiriert, was sie liebt, was Ihr und Ihrem „Seelenweg“ dienlich ist. Sie läßt sich in dem Moment ein, als Pwyll sie BITTET, um „dessen was sie am meisten liebt“, auf Ihn zu warten. Er sagt nicht, „bleib bitte stehen“, er sagt, „warte auf mich“. Er ist der Einzige der Sie anspricht und Bezug nimmt auf etwas das Sie berührt.
Rhiannons Pferd steht aus meiner Sicht für eine kreative Urkraft die dem Seelenweg, oder Herzensweg bereitwillig dient. Die aber weder gebrochen noch kontrolliert werden kann. Das was ohne tieferen Sinn hinter her jagt, ist für mich Sinnbild des Egos das ohne tiefere Zusammenhänge versucht zu manipulieren. Dieses Ego ist für den Seelenweg praktisch nicht existent. Es kann weder auf diese Kraft Einfluss nehmen, noch Kontakt aufnehmen. Das immer gleich bleibende Tempo von Rhiannon’s Pferd, das sich dem hinterher jagen der Knechte (Ego) ohne große Mühe entzieht, steht aus meiner Sicht sinnbildlich dafür das Seelenweg, bzw. „Ego gesteuertes Sein“, zwei nicht kompatible Seinsebenen sind. Das es tatsächlich so etwas wie „Hop oder Trop“ diesbezüglich gibt.
Was den Seelenweg, bzw. Herzensweg auszeichnet ist die Frage: „Wen oder Was liebe ich? Was berührt mich wirklich?“ „Wer bin ich wirklich?“
Das wir als Menschen immer wieder von diesem Weg abkommen und den Kontakt verlieren, oder unseren Wünschen scheinbar ohne Erfolg hinter her jagen, das ist Teil des Mensch Seins und sicherlich nicht zu verurteilen. Wenn ich mir zwischendurch dann doch immer wieder die Frage stelle;“ was ist das was ich liebe, was ist das was ich wirklich will, wer will ich wirklich sein“ und aus dem heraus versuche den Kontakt zu dieser Urkraft wieder auf zu nehmen, wird der Weg der Seele oder des Herzens wieder auf genommen.
Aus meiner Sicht ist es kein Zufall das ein Pferd als Symbol für magische Fähigkeiten steht. Der Kontakt zum Pferd, und damit meine ich jetzt wirklich das Pferd aus Fleisch und Blut, kann uns ermöglichen Zugang zu bekommen was es heißt sich Kraft dienlich zu machen ohne diese zu brechen, zu manipulieren oder zu vergewaltigen um das zu bekommen was wir wollen.

